20 Sep
2019

AMS: Einteilung
per Algorithmus

eine kritische Betrachtung

Image von rawpixel

von Josef Pürmayr, Sozialplattform OÖ

Das AMS hat nun jenes Instrument zur Verfügung, das es schon lange haben wollte. Der Verwaltungsrat hat am 16. September grünes Licht für die Implementierung des AMS-Algorithmus gegeben. Das bedeutet, dass in Zukunft der Computer die Jobchancen der AMS-Kund*innen berechnet. Dies erfolgt durch die Kombination von Faktoren wie Alter, Wohnort, Erwerbsbiografie, Ausbildung, Geschlecht und Staatsbürgerschaft.

Auf Basis der ermittelten Jobchancen werden die Arbeitslosen in drei Segmente mit hohen (H), mittleren (M) und geringen (N) Jobchancen einteilt. An dieser Einteilung hängen auch die Förderungen des AMS: sie sollen überwiegend für Personen aus dem mittleren Segment verwendet werden. Das AMS verspricht sich davon die höchste Effektivität der eingesetzten Mittel. Im Laufe des Jahres 2020 soll die Implementierung in die AMS-Systeme abgeschlossen sein und der Regelbetrieb starten.

Zu Algorithmus und Segmentierung gibt es aus meiner Sicht mehrere Kritikpunkte.

  1. Die Fähigkeiten von Algorithmen werden überbewertet. Die Rechenresultate von Algorithmen werden nicht hinterfragt. Algorithmen stellen jedoch bloß Korrelationen (quantitative Zusammenhänge von Faktoren) fest, mehr nicht. Sie sind nicht intelligent in dem Sinne, Situationen ein und Folgen abzuschätzen. Ihre Resultate bezüglich der komplexen Zusammenhänge, welche zu Arbeitslosigkeit führen bzw. mit welcher Wahrscheinlichkeit wieder ein Job gefunden wird, sind daher kritisch zu analysieren. Und hier stelle ich mir einen AMS-Berater bzw. eine AMS-Beraterin vor, die noch dazu unter hohem Zeitdruck steht: Wird er oder sie sich entscheiden, die Segmentzuordnungsvorschläge des Algorithmus regelmäßig zu überprüfen und  - bei erforderlicher Beiziehung eines Kollegen/einer Kollegin – die Segmentzuordnung auch zu verändern? Ich fürchte, das wird kaum der Fall sein.
  2. An der Segmentzuordnung hängt - wie oben bereits angeführt – das Angebot von Fördermöglichkeiten des AMS. Für jene Personengruppe mit den geringsten Vermittlungswahrscheinlichkeiten (N-Segment) gibt es ein spezielles Förderinstrument in Form von Beratung und Arbeitstraining. Ziel ist hier nicht mehr vorrangig die Vermittlung in Arbeit, sondern persönliche Stabilisierung. Es droht die Gefahr, dass diese Personengruppe auf dem arbeitsmarktpolitischen Abstellgleis landet.

Um negative Auswirkungen zu verhindern ist aus meiner Sicht erforderlich, dass

  • die Durchgängigkeit bzw. Anschlussmöglichkeiten zu anderen, höherschwelligeren Förderinstrumenten des AMS sichergestellt wird. Es ist wichtig, hier Förderungen und Unterstützungsleistungen in Form von Stufenmodellen zu definieren. Sie sollen für die Personengruppe aus dem N-Segment die Tür zum mittleren Segment und dessen vielfältigen Fördermöglichkeiten öffnen. Solche Stufenmodelle wurden von sozialen Unternehmen bereits erfolgreich entwickelt und umgesetzt. Sie müssen nicht neu erfunden, sondern seitens AMS bloß implementiert werden.
  • die N-Segmentvorschläge des Algorithmus durch die AMS-Berater*innen regelmäßig und sorgfältig überprüft und im Zweifelsfall die Zuordnung zum M-Segment (mittlere Vermittlungswahrscheinlichkeit) vorgenommen wird.
  • die AMS-Führung verbindliche Zielvorgaben macht, welcher Anteil von Personen des N-Segmentes durch geeignete Unterstützungsangebote von N zu M umgestuft werden müssen,  heruntergebrochen bis auf die Ebene jeder AMS-Regionalgeschäftsstelle
  • diese Umstufungen auch belohnt werden, beispielsweise durch Einbeziehung in das Prämiensystem für AMS-Berater*innen, das es für andere Zielerreichungen bereits gibt.

Arbeitsmarktpolitik hat Auswirkungen auf die Lebensumstände der AMS-Kund*innen. Eine unreflektierte Anwendung des AMS-Algorithmus kann für Benachteiligte am Arbeitsmarkt Schaden anrichten. Das AMS sollte sich dessen bewusst sein.

Für eine Vertiefung des Themas empfehle ich das Positionspapier zu Algorithmus und Segmentierung von arbeit plus: https://arbeitplus.at/wordpress/wp-content/uploads/2019/07/2019-07_Position-Algorithmus-und-Segmentierung.pdf

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