20 Mär
2019

Der/die normierte
Klient*in

Das war die 1. Fachtagung der Wohnungslosenhilfe OÖ

Wie funktioniert professionelle Unterstützung in der Wohnungslosenhilfe

1. Fachtagung der Wohnungslosenhilfe OÖ, 14. März 2019, FH für Soziale Arbeit Linz

Im Wissen, dass es den/die normierte/n Klient*in in der Wohnungslosenhilfe nicht gibt, folgten 150 TeilnehmerInnen der gemeinsam von den acht Trägern der OÖ Wohnungslosenhilfe organisierten ersten Fachtagung. Bei der Diskussion der Inputs der vier Fachreferent*innen und der abschließenden Podiumsdiskussion ging es auch darum, die Grenzen der Wohnungslosenhilfe auszuloten. Der langjährige BAWO-Obmann Sepp Ginner beschäftigte sich mit der gegenwärtigen sozialpolitischen Entwicklung. Michael Hennermann beleuchtete die Barrieren von sogenannten „Non-Compliance“-KlientInnen, die sie daran hindern, unser Angebot zu nutzen. Anhand einer kritischen Analyse der Psychiatrie unter dem Titel „Neuronen kennen keine Depression“ beleuchtete der Berliner Hirnforscher Felix Hasler die Schnittstelle zur Psychiatrie. Im Rahmen eines Forschungsprojektes der FH St. Pölten zum Thema „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ setzte sich Eva Grigori mit dem Ausschluss von Personengruppen beziehungsweise der Hilflosigkeit der Sozialen Arbeit mit diesem Thema auseinander.

Die Wohnungslosenhilfe als Notnagel

Bild von Sepp Ginner

Sepp Ginner, Sozialarbeiter,  Fachhochschule St. Pölten, Leiter des Wohnheims in Winden bei Melk, langjähriger BAWO-Obmann

Der langjährige BAWO-Obmann Sepp Ginner beschäftigte sich mit den zunehmend schwieriger werdenden sozialpolitischen Rahmenbedingungen der Sozialarbeit. Das geplante neue Sozialhilfegrundsatzgesetz verschärfe etwa die Situation in der Existenzsicherung. Die Wohnkosten seien mit einem Viertel des Ausgleichzulagenrichtsatzes, also 221 Euro, veranschlagt. Wohnungen seien zu diesem Preis aber kaum zu finden. Allgemein zeigt der Trend auf, dass in den letzten 25 Jahren der Anteil des Einkommens, den die Haushalte für das Wohnen ausgeben müssen, auf 30 Prozent gestiegen ist. Wenn schließlich dann alles schief geht, sei die Wohnungslosenhilfe am Zug. Die Anlaufstellen sind dann oft überfordert, denn die Bedingungen der Wiederbehausung werden immer schlechter. Ginner präsentierte einige Forderungen des Positionspapieres der BAWO „Wohnen für Alle. Leistbar. Dauerhaft. Inklusiv.“ So solle das Mietwohnungssegment gestärkt werden, eine ausreichende Existenzsicherung durch Erhöhung der Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld und die Höhe der Mindestsicherung sichergestellt werden und die Mehrwertsteuer auf Wohnkosten abgeschafft werden. Abschließend wies Ginner auf das Menschenrecht Wohnen hin, wie es unter anderem in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben ist.

Non Compliance – was tun, wenn manche mit unseren Angeboten nicht abgeholt werden können?

Bild von Michael Hennermann

Michael Hennermann, Sozialarbeiter, Geschäftsführer Verein für Obdachlose Innsbruck

Michael Hennermann beleuchtete die Barrieren von sogenannten „Non-Compliance“-KlientInnen, die sie daran hindern, unser Angebot zu nutzen. Der Begriff komme aus der Psychiatrie für Patienten, die sich nicht an Regeln halten. Daher sollten wir in der Sozialarbeit aufpassen, nicht gleich alle Türen zuzuschlagen, weil ja auch unser Berufsethos das Ziel beinhaltet, allen zu helfen. Hennermann berichtete über die Rahmenbedingungen in der Stadt Innsbruck mit den sich laufend ausweitenden Alkoholverbotszonen und auch dem Nächtigungsverbot für Obdachlose an mehreren Plätzen. Zuwiderhandeln gegen das Alkoholverbot bedeute beim ersten Mal eine Abmahnung, beim zweiten Mal bis zu 200 Euro Strafe und beim dritten Mal Haft.

In Innsbruck kritisierte der Arbeitskreis „psychisch krank und wohnungslos“ auch die Unterversorgung an niedergelassenen psychiatrischen Ärzten und die damit verbundene Wartezeit bei Arztterminen. Hennermann berichtet aber auch über zahlreiche positive Ansätze in der Arbeit mit „Non-Compliance“-KlientInnen. In einer Villa, die vorher von der Lebenshilfe betrieben wurde, gab es einen Brand im Erdgeschoß. Bis zum Abriss des Gebäudes wurde im ersten Stock eine WG für sechs Personen geschaffen. Oft waren es Einzelgänger, die vorher jegliche Hilfe (wie zum Beispiel Notschlafstellen) ablehnten. Es gab keine Mehrbettzimmer und vieles blieb in der Eigenverantwortung der BewohnerInnen. Schließlich wurde die WG angenommen und es gab eine hohe Identifikation der BewohnerInnen mit dem Projekt. Auch das Nachfolgeprojekt nach der Schließung wurde von den KlientInnen angenommen. Ein weiteres Beispiel waren zwei Zimmer in einer städtischen Herberge, die nur von hinten einzeln zugängig waren. Diese konnten für KlientInnen herangezogen werden, die sonst nirgends hingehen würden. Als weiteres Bespiel erzählte Hennermann von einer sehr verwahrlosten Frau, die über eine Pfarre zuerst in einer Garage und dann in einem Container untergebracht wurde. Wobei eine Garage nicht die Norm, in diesem Fall aber die richtige Lösung sein könne. „Obwohl wir trotzdem nie alle erwischen werden, kann man sagen: Wenn wir die Leute nicht erreichen, stimmt das Angebot nicht“, meint Hennermann und zitiert zum Abschluss den Titel einer Publikation „Eigensinn und Psychose – Non Compliance als Chance.“

Neuronen kennen keine Depression. Aufstieg und Fall der biologischen Psychiatrie

Bild von Felix Hasler

Felix Hasler, Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain

Anhand einer kritischen Analyse der Psychiatrie unter dem Titel „Neuronen kennen keine Depression“, beleuchtete der Berliner Hirnforscher Felix Hasler die Schnittstelle zur Psychiatrie. Ein Viertel der Bevölkerung leide an einer psychischen Störung innerhalb der letzten zwölf Monate. Doch was ist eine psychische Störung? Bis vor kurzem war die Fachwelt optimistisch, dass der Fortschritt in den Neurowissenschaften schon in absehbarer Zeit zu einer wesentlichen Verbesserung in der Therapie psychischer Störungen führen wird. Der Euphorie ist Ernüchterung gefolgt. Auch wenn die Biopsychiatrie noch immer die Deutungshoheit über psychische Erkrankungen beansprucht: Trotz Multimilliarden-Investitionen und unzähligen Genetik- und Bildgebungs-Studien gibt es bis heute keine belastbaren pathophysiologischen Konzepte zur Biologie psychischer Störungen.

Die Pharmaindustrie zieht sich aus der Psychopharmaka-Entwicklung zurück, obwohl in den USA der Psychopharmakonsum noch zunimmt und in der EU auf hohem Niveau stagniert. So gibt es etwa an den Universitäten der USA mehr Studenten, die Antidepressiva nehmen, als Raucher. Generell wurden Wirkstoffe von Medikamenten meist durch Zufälle gefunden und nicht durch Forschung entwickelt.  Auch innerhalb der akademischen Psychiatrie mehren sich die Stimmen, dass der Blick ins Gehirn auch in näherer Zukunft kaum klinisch Relevantes zum Verständnis von Depression, Angststörungen oder Schizophrenie beitragen kann. Zum oft kritisierten Konsum von Ritalin als Medikament für ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bei Kindern meint Hasler: „Wie können wir ADHS verhindern? Indem wir es nicht diagnostizieren.“

Nazis raus?!

Bild von Eva Grigori

Schwierigkeiten im Umgang mit extrem menschenfeindlichen NutzerInnen der Wohnungslosenhilfe. Handlungskompetenzen Sozialer Arbeit im Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Eva Grigori, Dozentin am Department Soziales der FH St. Pölten

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der FH St. Pölten zum Thema „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ setzte sich Eva Grigori mit dem Ausschluss von Personengruppen beziehungsweise der Hilflosigkeit der Sozialen Arbeit mit diesem Thema auseinander. Grigori spricht in diesem Zusammenhang von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit: etwa der Abwertung behinderter Menschen, Sinti und Roma, homosexueller Menschen oder Islamfeindlichkeit. Gruppenbezogen seien diese menschenfeindlichen Einstellungen deshalb, weil sie Personen nicht als Individuen beurteilen, sondern anhand ihrer angeblichen oder tatsächlichen Gruppenzugehörigkeit (Geschlecht, Herkunft, Sexualität,...). Die Abwertung bestimmter Gruppen dient dabei der Aufwertung des kollektiven Selbst.

Einrichtungen der niederschwelligen Wohnungslosenhilfe sind oftmals das letzte Auffangnetz für ihre Zielgruppe. Das Forschungsprojekt zeige auf, dass ein oftmals hilfloser Versuch von PraktikerInnen im Umgang mit KlientInnen, die rechtsgerichtete und hasserfüllte Parolen verbreiten, das Hausverbot ist. Dies mag aus Gründen des Selbstschutzes oder des Schutzes anderer NutzerInnen sein, mitunter aber ist es auch ein Zeichen professioneller Hilflosigkeit. Abwertungseinstellungen gibt es auch gegenüber NutzerInnen. Grigori zitierte als Beispiel die extrem rechte Biologisierung und Naturalisierung des Sozialen Thilo Sarrazin: „Während die Tüchtigen aufsteigen und die Unterschicht oder untere Mittelschicht verlassen, wurden und werden in einer arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft nach ,unten‘ vor allem jene abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust und ganz schlichtweg ein bisschen dümmer und fauler sind.“

Podiumsdiskussion

Die abschließende Podiumsdiskussion wurde von Elisabeth Hammer (Vorsitzende der BAWO) moderiert und bemühte sich um Lösungsansätze und mögliche Perspektiven der Sozialen Arbeit in der Wohnungslosenhilfe. Neben den ReferentInnen nahmen Christan Gaiseder (Sozialverein B 37, Sprecher der Wohnungslosenhilfe), Renate Hackl (Sozialabteilung des Landes OÖ) und Christian Stark (FH für Soziale Arbeit) teil. Einigkeit bestand in Notwendigkeit der Verbesserung der Schnittstellen zur Psychiatrie. Als sehr positives Ergebnis kann durchaus die ausführliche Beleuchtung der Situation von KlientInnen, die das Angebot der Wohnungslosenhilfe derzeit nur sehr beschränkt nutzen können oder wollen, gesehen werden. Sogenannte „Non Compliance“-KlientInnen nicht nur als solche auszuschließen, weil sie nicht mit unseren Regeln können, sondern das Berufsethos „Allen zu helfen“ in den Mittelpunkt zu stellen.

Bild von allen Referent*innen
von links: Elisabeth Hammer, Christian Gaiseder, Michael Hennermann, Renate Hackl, Christian Stark, Eva Grigori, Sepp Ginner und Felix Hasler.

Nachbericht und Fotos von: 
Heinz Zauner, Arge für Obdachlose, Linz

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