16 Jul
2021

Statt AMS-Sanktionen braucht
es ein Nachdenken auf
Unternehmer*innenseite

Josef Pürmayr fordert neue Wege der Unternehmen gegen Personalmangel

Die Wirtschaft wächst nach dem COVID-Krisenjahr 2020 wieder rasant. Längst ist nicht mehr mangelnde Nachfrage der limitierende Faktor, sondern fehlendes qualifiziertes Personal. Und wie üblich in solchen Phasen rufen Unternehmer*innen und deren Interessenvertretung nach mehr Druck auf Arbeitslose, die sie in der sozialen Hängematte wähnen. Von den Arbeitslosen und den Arbeitnehmer*innen werden große Flexibilität bis hin zur Leidensbereitschaft verlangt. Das AMS soll dies bei den Arbeitslosen durch rigorose Exekution der Zumutbarkeitskriterien und mehr Sanktionierungen sicherstellen und weitertreiben.

Meiner Meinung nach ist dieses System ausgereizt. Das AMS Niederösterreich hat beispielsweise die Sanktionen gegenüber dem Jahr 2020 um fast die Hälfte gesteigert. Siehe dazu Artikel in den NÖN vom 14.7.2021.
Noch immer nicht genug, rigorosere AMS-Sanktionierung wird verlangt. Wo soll das hinführen? In Richtung Arbeitsbedingungen im 19. Jahrhundert? Welches Menschenbild steht hier dahinter? Wie schaffen Unternehmer*innen den emotionalen Spagat, wenn sie Langzeitarbeitslose als Hängemattenbewohner*innen einschätzen, die dann, wenn sie bei ihnen zu arbeiten beginnen, plötzlich wichtige Arbeitskräfte sind, die sie an das Unternehmen binden wollen?

 

Statement Josef Pürmayr

Ich meine, ein Nachdenken auf Unternehmer*innenseite wäre erfolgversprechender als der Ruf nach mehr Sanktionen. Dies allein schon aus nüchterner strategischer Abwägung hinsichtlich Engpassfaktor qualifizierte Arbeitskräfte. Hier vermute ich Nachholbedarf.
Eine Unternehmerin, die eine zusätzliche Halle am alten Standort errichtet, stolz, das Traditionsunternehmen zu vergrößern, macht einen Fehler, wenn sie die Aspekte der schlechten Erreichbarkeit für die Arbeitnehmer*innen nicht berücksichtigt.
Ein Unternehmer, der dringend weibliche  Arbeitskräfte sucht macht einen Fehler, wenn er über die Möglichkeiten einer betrieblichen Kinderbetreuung nicht einmal nachdenkt.
Ein Unternehmer, der überwiegend wegen Kommunalsteuervorteilen seinen Standort auswählt, ohne die langfristige Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials in der Region zu berücksichtigen, macht einen Fehler.
Ein*e Unternehmer*in, welche*r dringend Arbeitskräfte sucht und nicht über attraktivere Arbeitszeitmodelle nachdenkt, macht einen Fehler.
Eine mittelständische Unternehmerin, die jüngere Arbeitskräfte nicht ausreichend finden kann, macht einen Fehler, wenn sie kein generationenübergreifendes Personaleinsatzkonzept erarbeitet.

"Wer sich etwas überlegt, wird Fachkräfte bekommen."

Wie es gehen kann? Das bereits oft zitierte Beispiel muss hier noch einmal herhalten:
Die Mühlviertler Marketing-Agentur mit einem Arbeitszeitmodell von 30 Wochenstunden hat zufriedene Mitarbeiter*innen, hohe Kund*innenzufriedenheit, ist bestens im Geschäft und hat ausreichend qualifizierte Bewerber*innen. Zitat der Geschäftsführung“ Wer sich etwas überlegt, wird Fachkräfte bekommen“. (Artikel in den OÖN vom 15.7.2021). Das ist Marktwirtschaft.

Zeitungsartikel aus den Oö. Nachrichten vom 15.7.2021

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