02 Jul
2022

Kreislaufwirtschaft und
Arbeitsmarktpolitik

Getrennte Welten oder wechselseitige Verstärker?

Bild mit Wiederaufbereitung von Handyteilen
Bild: RepaNet

Die Einschläge kommen näher: Schon die Klimakrise lässt sich mit den bisher global geplanten Maßnahmen zur Energiewende nur zu 15% bewältigen, die Pandemie hat die Lieferketten nachhaltig erschüttert, die Ukraine-Krise zwingt endgültig zum Abschied von einer Vorstellung von „Normalität“, die nun mehrere Jahrzehnte Gültigkeit hatte. Aktuell gewinnt Resilienz gegenüber Effizienz wieder die Oberhand, und das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist gerade dabei, seine rein abfall- und recyclinglastige Punzierung abzuwerfen und zum ganzheitlichen Geschäfts- und Wirtschaftsmodell zu werden, das die fehlenden 85% zur Erreichung der Klimaziele beitragen kann. Von Matthias Neitsch, RepaNet – Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich

EU betont starke Rolle der Sozialwirtschaft in der Transformation

Der European Green Deal, und als dessen jüngstes Kind die Initiative für nachhaltige Produkte (Sustainable Products Initiative SPI) mit der EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien und den neuen Regelungen zum Ökodesign, zeigen die neue Richtung auf: Die Rolle der Sozialwirtschaft für die Schaffung ökologischer und integrativer Unternehmen und Arbeitsplätze wird in beiden Initiativen ausdrücklich gewürdigt. Die Kommission unterstreicht auch die Notwendigkeit einer weiteren Unterstützung von Sozialunternehmen im Bereich der Kreislaufwirtschaft und plant, einen Leitfaden zur Unterstützung von Kreislaufwirtschafts-Partnerschaften zwischen Sozialunternehmen und anderen Akteuren zu erstellen. Die gute Positionierung der Sozialwirtschaft in den EU-Strategien der Kreislaufwirtschaft ist nicht zuletzt der beharrlichen Lobbying-Arbeit der sozialwirtschaftlichen EU-Interessenvertretungen RREUSE (=Re-Use and Recycling European Union Social Enterprises) und ENSIE (=European Network of Social Integration Enterprises) zu verdanken, die dafür von ihren jeweiligen österreichischen Mitgliedern RepaNet und arbeit plus wesentliche Impulse erhalten haben.

Coming soon: österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie

Mittlerweile ist auch eine ambitionierte österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie in der Pipeline, von der erhofft wird, dass sie noch im Juni 2022 durch Regierungsbeschluss den offiziellen Rahmen für die künftige Transformation des Wirtschaftssystems bilden wird. Sie enthält so ambitionierte Ziele, wie die Reduktion des jährlichen Materialfußabdruckes pro Österreicher*in von aktuell 33 t / Jahr auf das global nachhaltige Maß von 7 t / Jahr bis 2050. Das entspricht einer Reduktion der Materialflüsse unseres Wirtschaftssystems um 80%!

Keine Transformation ohne gerechte Umverteilung

Wir stehen also vor der Herausforderung der Transformation der produktionsbasierten linearen Ökonomie in eine zirkuläre Werterhaltungs-Ökonomie. Dies erfordert den Umbau der wachstumsgetriebenen globalen industriellen Massenproduktion neuer Güter hin zu einer lokalen und regionalen Werterhaltung und Umverteilung der vorhandenen materiellen Güter auf Basis von menschlicher Arbeit und global geteiltem digitalisiertem Informationsaustausch. Aber: Ohne sozial gerechtere Verteilung von Einkommen, Teilhabe und Vermögen wird diese Transformation von den Menschen wohl nicht akzeptiert werden.

Zirkuläre Wirtschaft braucht mehr lokale Arbeitskräfte

Was bedeutet das alles nun für den Arbeitsmarkt und insbesondere für sozialökonomische Betriebe? Die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der aktuellen Verwerfungen globaler Wertschöpfungsketten durch Pandemie, Krieg und Klimaveränderungen sind derzeit kaum prognostizierbar, weil diese eher von kurzfristigen disruptiven geopolitischen Ereignissen beeinflusst werden als durch stetige Veränderungsprozesse. Dennoch erscheint es am wahrscheinlichsten, dass in einer zukünftigen Welt knapper werdender materieller Güter und unsicherer Lieferketten generell die arbeitsintensivere aber relativ sichere Werterhaltung bestehender Güter und Infrastrukturen auf lokaler und regionaler Ebene an Bedeutung gewinnt, während die industrielle und stark automatisierte Massenfertigung von kurzlebigen, qualitativ minderwertigen Gebrauchsgütern unwirtschaftlich wird. Viele Sektoren können auch in weitgehend kleinräumigen Wertschöpfungsketten Produkte und Dienstleistungen in guter bzw. langlebiger Qualität erzeugen, das betrifft vor allem Lebensmittel, Kleidung, Baustoffe, Möbel, einfache Gebrauchsgüter, sowie den Tourismus.

Schrumpfende globale Lieferketten

Globale industrielle Lieferketten werden aber auch künftig bei allen Gütern und Dienstleistungen der Informations- und Kommunikationstechnologie und der Logistik nötig sein, etwa bei elektronischen Geräten und Infrastrukturen. Hier wird es allerdings eine Schrumpfung in jenen Bereichen geben (müssen), die bisher Wegwerfprodukte für kurzfristigen, nicht lebensnotwendigen Konsum hergestellt haben, wie etwa Freizeit und Unterhaltungselektronik. Elektronische Endgeräte werden dann durch gerecht entlohnte Arbeit, resilientere und ökologisch verantwortlichere Lieferketten und knappe Rohstoffe so teuer, dass sie als reine Spiel- und Unterhaltungsgeräte kaum noch leistbar sein werden, sondern fast ausschließlich zu beruflichen Zwecken und vielfach in Sharing-Modellen genutzt werden.

Die Transformation hat schon begonnen

Die Transformation in eine solche Wirtschaftswelt hat bereits begonnen: Schon erschließen große Vertriebsmarken, die bisher ausschließlich auf wachsende Massen verkaufter Güter gesetzt haben, neue Geschäftsmodelle, in denen Reparatur, Service und Verleih im Zentrum stehen. Knapp sind derzeit allerdings die dafür erforderlichen kompetenten Arbeitskräfte. Demografischer Wandel und erhöhter Bedarf sozialer Dienstleistungen insbesondere in der Pflege tun ein Übriges. Es wird nur wenige Jahre brauchen, bis durch Qualifizierungs- und andere Maßnahmen dieser arbeitsmarkpolitische „Miss-Match“ ausgeglichen werden kann, allerdings entstehen durch diesen personellen Sog auch Chancen und Möglichkeiten für jene Menschen, denen der reguläre Arbeitsmarkt bisher kaum Chancen der Teilhabe bieten konnte, nämlich der niedrig qualifizierten Langzeitbeschäftigungslosen.

Sozialwirtschaft als Transformationsdienstleister

Um dieses Potential zu erschließen, braucht es allerdings mehr als nur Kurse, denn diese Menschen brauchen mehr Zeit und intensivere Begleitung, um den Wiedereinstieg zu schaffen. Genau hier liegt die Chance der Sozialwirtschaft: Bereits in den 80er Jahren, als in Mitteleuropa die Transformation von der nationalen Industriegesellschaft zur globalisierten Dienstleistungswirtschaft stattfand, wurde das Modell der Arbeitsmarkt-Integrationsbetriebe (in Österreich SÖBs oder GBPs genannt) entwickelt, um Tausende langzeitarbeitslose Transformationsverlierer zu unterstützen. Die jetzt bevorstehende Transformation wird wohl noch um einiges anspruchsvoller, dementsprechend wichtig wird es sein, die bestehenden Modelle der aktiven Arbeitsmarktpolitik mit der Kreislaufwirtschaftspolitik zu verzahnen, weiter zu entwickeln und zusätzliche Fördermittel aus dem Kreislaufwirtschafts-Ressort einzubinden, um insbesondere Langzeitarbeitslosen mit derzeit besonders geringen Perspektiven durch individuell optimierte und vor allem längere Verweildauern einen Neuanfang im Zukunftsfeld der Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.

In Entwicklung von Menschen statt Technologien investieren

Doch der Weg ist noch weit: Die aktuelle Kreislaufwirtschaftspolitik ist noch zu stark Technologie- und Innovationszentriert, die „Werterhaltungsökonomie“ ist dem politisch-ökonomischen Mainstream noch zu wenig attraktiv. Die Arbeitsmarktpolitik konzentriert sich auf hochqualifizierte „Green Jobs“ und stößt derzeit durch „Facharbeitermangel“ an ihre Grenzen, ohne zu bemerken, welche großen Potentiale durch die Sozialwirtschaft zu heben wären, wenn man nur bereit wäre, mehr in die Entwicklung von benachteiligten Menschen und in die Sozialwirtschaft zu investieren, anstatt in noch mehr ressourcenintensive Technologien.

Aber wir dürfen optimistisch sein: die sich ständig verbreiternden Krisenszenarien erzwingen geradezu eine ganzheitliche Wende – seien wir Teil dieser Bewegung, hin zu einem guten Leben für alle in einer sozial gerechten, zirkulären und klimaneutralen Werterhaltungsökonomie, die Menschen und Dinge gleichermaßen achtsam behandelt.

Dieser Artikel ist im Rahmen des 2. Teils des Europa-Schwerpunkts im Rundbrief 4/2022 (Juli/August) erschienen. Der Rundbrief kann abonniert werden.

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