23 Feb
2021

Langzeit-
beschäftigungslosigkeit

Qualifizierung ist nicht die einzige Lösung

Es ist allgemein bekannt, die Corona-Krise hat zu dramatischen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt geführt. Ich will die konkreten Zahlen nicht nochmals anführen, nachzulesen im Rundbrief (.pdf, 4 MB) nachfolgend. Es wird viel getan, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, Corona-Kurzarbeit beispielsweise. Dafür wird viel Geld ausgegeben, und das ist richtig so: Prävention ist immer besser, die Notwendigkeit von Nachsorge sollte möglichst vermieden werden. Daher ist Kurzarbeit sinnvoll, kombiniert mit Qualifizierung, die am Arbeitsmarkt gefragt ist.

Aber trotz aller Bemühungen: die Arbeitslosigkeit ist viel zu hoch (plus 27,3 % Ende Jänner 2021 gegenüber Jänner 2020), die Wirtschaft ist massiv eingebrochen (minus 14 % Ende Jänner 2021 gegenüber Jänner 2020) und die Jobchancen für die allermeisten Arbeitslosen sind schlecht. Auch hier gibt es Angebote, beispielsweise die Corona-Joboffensive. Dem AMS stehen 700 Millionen an zusätzlichem Budget zur Verfügung, die bis Ende 2022 für Angebote zur Arbeitsmarktintegration verwendet werden sollen. Das Förderprogramm soll 100.000 arbeitslose Personen erreichen. Drei Viertel des Budgets sind für Qualifizierung gewidmet, beispielsweise in den Schwerpunktbereichen Elektronik/Digitale Technologie, Metallberufe und Pflege-, Sozial- und Betreuungsberufe. Qualifizierung ist besonders wichtig, wenn sich die Wirtschaft strukturell massiv ändert. Und das wird geschehen, beispielsweise infolge von Insolvenzen: Während im Corona-Jahr 2020 die Insolvenzen sogar zurückgingen (wegen COVID-Unterstützungen und auch, weil etwa Gesundheitskassen und Finanz, die üblicherweise größten Insolvenzantragstellerinnen, derzeit keine Insolvenzen beantragen), rechnet der Kreditschutzverband KSV 1870 nach Auslaufen der Corona-Hilfen gegenüber dem Jahr 2020 mit einer Verdoppelung der Unternehmensinsolvenzen. Da wird es rascheln, auch am Arbeitsmarkt. Die passend Qualifizierten werden dann gute Chancen haben, die neu entstehenden und auch veränderten Jobs zu bekommen. Daher auch hier: super, die Qualifizierungsoffensive.

Qualifizierung ist nicht die einzige lösung

Was übersehen wird: die gegenwärtigen und künftigen Arbeitsmarktprobleme werden mit Qualifizierung alleine nicht lösbar sein. Was es zusätzlich brauchen wird, ist eine Beschäftigungspolitik. Wir brauchen nicht nur Qualifizierung für den „ersten“ Arbeitsmarkt, wir brauchen dringend deutlich mehr geförderte Arbeitsplätze für jene, die wenig qualifizierungsaffin sind und die der erste Arbeitsmarkt (noch) nicht aufnimmt. Mit steigender Dauer der Arbeitslosigkeit werden auch mit guter Qualifikation die Jobchancen immer geringer. Das größte Problem am Arbeitsmarkt ist die gestiegene Langzeitbeschäftigungslosigkeit. Sie wird sich noch deutlich erhöhen, weil viele in Folge von COVID-19 arbeitslos gewordene Personen erst Ende März – nach 12 Monaten Arbeitslosigkeitsdauer – als langzeitbeschäftigungslos aufscheinen werden. Für viele von ihnen wird ausschließlich Qualifizierung nicht die richtige Lösung sein. Viele brauchen einfach einen Job, von dem sie leben können.

geförderte Beschäftigung

Angesichts der geschilderten Problemlagen ist es für mich nicht verständlich und erklärbar, warum geförderte Beschäftigung so geringe politische Bedeutung und auch so geringes Budget hat: Nur 8% des Budgets der Corona-Joboffensive ist beispielsweise für zusätzliche Arbeitsplätze in sozialökonomischen Betrieben und gemeinnützigen Beschäftigungsprojekten vorgesehen. Viel zu wenig, meiner Ansicht nach. Zusätzlich dazu werden wir Beschäftigungsplätze auf einem dauerhaft subventionierten erweiterten Arbeitsmarkt brauchen. Der „erste Arbeitsmarkt“ hat die Probleme schon in der Vergangenheit nicht zufriedenstellend lösen können, er wird es auch jetzt nicht können.

Meine Vorstellung: Schaffung von 50.000 dauerhaft subventionierten Beschäftigungsplätzen für Personen ohne realistische Integrationsperspektive in den ungeförderten Arbeitsmarkt bis Ende 2023. Eine Orientierung bei dem Vorhaben könnte das Deutsche Teilhabechancengesetz geben, das seit 01.01.2019 in Kraft ist und langfristig geförderte Beschäftigung ermöglicht. https://www.jobcenter-ge.de/Jobcenter/Salzgitter/DE/Arbeitgeber/Teilhabechancengesetz/THCG_node.html

Josef Pürmayr, Sozialplattform OÖ

Dieser Artikel ist im Rundbrief 2/2021 erschienen

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