02 Nov
2022

Risikomanagement
für die Sozialwirtschaft

So krisenfest sind soziale Unternehmen

v.l.n.r.: Sozialplattform OÖ Geschäftsführer Josef Pürmayr mit den Referenten Georg Egger und FH-Professor Thomas Prinz

Was haben soziale Unternehmen aus der COVID-Krise gelernt, wie krisenfest sind sie, welche künftigen Risiken identifizieren sie und betreiben sie generell Risikomanagement? Die Sozialplattform OÖ hat Führungskräfte aus sozialen Unternehmen zum Vortrag mit FH-Professor Mag. Dr. Thomas Prinz und DI (FH) Georg Egger BEd eingeladen, damit sie von ihrem Lehrforschungsprojekt zum Thema Risikomanagement berichten. Entwickelt wurden eine Risk Map und Handlungsempfehlungen für die Sozialwirtschaft sowie Anregungen, wie man Risikomanagement im Unternehmen implementieren kann.

Das Lehrforschungsprojekt wurde von Studierenden im Departement Gesundheits-, Sozial- und Public Management der Fachhochschule Oberösterreich durchgeführt, als Projektcoaches fungierten FH-Prof.in Dr.in Renate Sabine Kränzl-Nagl sowie FH-Prof. Mag. Dr. Thomas Prinz.

Auf Basis der Ergebnisse von acht leitfadengestützten Interviews mit Expert*innen aus der Sozialwirtschaft wurde eine Online-Umfrage erstellt und sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich zu ihrer Krisenfestigkeit und zum Risikomanagement in den Organisationen befragt. 74 Datensätze konnten hier verwertet werden. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde eine Risk-Map für sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich skizziert.

Folie Risk Map auf Basis der Fragebögen
Quelle: FH OÖ

Personalthema ist bestimmend

In den Interviews wurde als größtes Risiko das Personalthema (Fachkräftemangel, Personalsuche und -auswahl) identifiziert, aber auch Datenschutz/-sicherheit, Gesundheitsschutz, Arbeitnehmer*innenschutz, Sparmaßnahmen, Vorkehrungen zur Prävention von Missbrauchsstrukturen, Hochwasser, Flüchtlingskrise sowie die Pandemie zählten zu den enormen Herausforderungen.

Analysetools kaum bekannt

40,5 % der Online-Befragten verneinen, dass Risikomanagement in ihrem Unternehmen vorhanden ist, dafür sind fehlende finanzielle und zeitliche Ressourcen verantwortlich. Beim Rest ist das Risikomanagement zum überwiegenden Teil in der Geschäftsführung verankert. Um Risiken zu identifizieren greift der Großteil auf Erfahrungswissen und Kennzahlen zurück. Analysetools wie SWOT (= Strengths, Weaknesses, Opportunities und Threats) oder PESTEL (= Political, Economic, Social, Technological, Environmental, Legal) sind in der Sozialwirtschaft relativ unbekannt.

Mitarbeiter*innen einbinden

Prinz und Egger plädieren dafür, sich systematisch mit dem Risikomanagement zu befassen. Die Ansiedlung im Management und der Bereichsleitung wird als zielführend gesehen, eine losgelöste Stabsstelle eher weniger.
In einem Workshop können Unternehmen ein Risikomanagementsystem implementieren. Dabei werden die Rahmenbedingungen erfasst, Risiken identifiziert, analysiert und bewertet. Die Bewertung kann mit einer Risk Map (s.o.) erfolgen. Es braucht weiters eine Strategie, die Krise zu bewältigen und die weitere Überwachung.
Wichtig ist Thomas Prinz und Georg Egger, die Kommunikation mit den Mitarbeiter*innen, ihre Expertise ist für die Erstellung einer Risk Map gefragt, um nachhaltig zu bleiben. Dies soll mit viel Wertschätzung passieren, kann beispielsweise als Fixpunkt im Jahresgespräch eingebaut werden.

Business Continuitiy

Als aktuelles Beispiel im Risikomanagement brachte Georg Egger, der als Abteilungsleiter im Facility Management bei der Lebenshilfe beschäftigt ist, das Thema „Blackout“ in Wohneinrichtungen zur Sprache. Wie sorgt man dafür, dass die Versorgung von Menschen, die rund um die Uhr betreut werden, sichergestellt ist, wenn die elektronische Kommunikation ausfällt. Wer fährt in die Wohngruppe, wie sind Zuständigkeiten verteilt? Es ist wichtig, die Kernprozesse in Krisenzeiten gewährleisten zu können, weshalb die agile Organisation gefragt ist: „Die Aufrechterhaltung des Betriebes in Krisenzeiten ist in einem sehr hohen Maß an die Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter*innen gekoppelt und wird durch erhöhten Einsatz, Willen, Flexibilität und Leistungsbereitschaft gewährleistet. Durch den überdurchschnittlichen Einsatzwillen wird die Eigenständigkeit und Handlungsbereitschaft auf unteren Entscheidungsebenen und in der Basisarbeit erhalten (Business Continuity)“, empfiehlt dazu die Studierendengruppe.
Ans Publikum richtete das Vortragsteam die Frage, welche Risiken sie aktuell erkennen. Wenig überraschend wurde auch hier der Personalmangel genannt.

Thomas Prinz hat angekündigt, dass er gemeinsam mit Sabine Kränzl-Nagl und Georg Egger am Buch „Krisenfeste Sozialunternehmen“ arbeitet, das 2023 im Wallhalla-Fachverlag erscheinen wird.

Dieser Artikel ist aktuellen Rundbrief November/Dezember 2022 erschienen.

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