27 Apr
2020

Arbeitslosigkeit kann
jede*n treffen

Am 30. April ist der Tag der Arbeitslosen

Arbeitslosigkeit kann jeden und jede treffen. Das ist auch in normalen Zeiten der Fall, wir haben darauf immer wieder hingewiesen. Lag der Grund bisher in der Änderung von Lebensumständen (z.B. längerfristige Erkrankung) oder in Faktoren, die originär im Bereich der Dienstgeber*innen zu suchen sind, bekommt Arbeitslosigkeit in COVID-Zeiten eine neue Dimension.

Unfreiwillige Arbeitslosigkeit bedeutet immer eine Krise, sie wurde bisher überwiegend als individuelle Krise betrachtet.

In Zeiten hoher Arbeitskräftenachfrage wird Erwerbsarbeitslosigkeit sehr häufig als persönlicher Makel betrachtet, als individuelles Versagen. Auch die gegenwärtige Bundesregierung hat sich diesbezüglich hervorgetan, ich erinnere an die Debatte um die geforderten Verschärfungen bei Zumutbarkeitskriterien und Sanktionen.
  
Wir haben immer betont, dass Arbeitslosigkeit überwiegend ein strukturelles Problem darstellt. Angesichts ca. 360.000 arbeitsloser Menschen bei noch brummender Wirtschaftslage Mitte März 2020 bestand meines Erachtens bereits eine strukturelle Krise am Arbeitsmarkt. COVID-19 stellt das nun in den Schatten: Infolge des Corona-Lock-Downs erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen binnen zweier Wochen um 200.000 auf 560.000 mit Ende März 2020. Zum Tag der Arbeitslosen am 30.04. dürften es knapp 600.000 sein.  
  
Angesichts der weitreichenden Betroffenheit sollte außer Frage stehen, die Schuld an Arbeitslosigkeit nicht bei den Einzelnen zu suchen. Dennoch wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Jene, die vor der COVID-19-Krise von Arbeitslosigkeit betroffen waren, und jene, die nach dem Lock-Down ihren Arbeitsplatz verloren haben.  
So war der Familienhärtefonds nur für jene gedacht, die in Folge der Corona-Krise ihren Job verloren haben. Mittlerweile wurde etwas nachgebessert: Alle Arbeitslosen und Sozialhilfebezieher*innen können die Leistungen des Fonds nun in Anspruch nehmen, allerdings bleiben Unterschiede: für jene, die vor COVID-19 bereits arbeitslos waren, sind die Leistungen mit monatlich 50 Euro bei Maximalbezug von 3 Monaten gedeckelt.
  
Das Arbeitslosengeld beträgt in Österreich in der Regel 55 % des Nettolohnes. Das ist - auch international gesehen – eine geringe Quote und ermöglicht den meisten Arbeitslosen keine ausreichende Existenzsicherung. Hier ist ein Ungleichgewicht erkennbar zwischen jenen, die in Kurzarbeit 10 % arbeiten und bis zu 90 % ihres Nettolohnes ausbezahlt bekommen und jenen, die wegen Arbeitslosigkeit 0 % arbeiten und nur 55 % bekommen. Nicht, dass ich es den Kurzarbeitenden nicht gönnen würde. Ich halte es jedoch für erforderlich, auch das Arbeitslosengeld zu erhöhen. Denn das Arbeitslosengeld wird für die meisten kein kurzfristiges Überbrückungsgeld sein, bis sie im neuen Job wieder gut verdienen. Die Langzeitarbeitslosigkeit wird beträchtlich steigen, der Weg in die Armut wird für viele Realität sein, wenn nicht entsprechend gegengesteuert wird.
  
Das Vienna Center for Electoral Research der Universität Wien berichtet, dass  während der erst kurz dauernden COVID-19-Krise die Ungleichheit in unserer Gesellschaft bereits rasch gewachsen ist. Nachteilig betroffen sind vor allem Alleinerziehende, Menschen mit geringer formaler Bildung und Menschen mit Migrationsbiografie.
https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/
  
Die Universität Wien hat erhoben, dass in der COVID-19-Krise sozial benachteiligte Personen von Kurzarbeit und Kündigungen am meisten betroffen sind. https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog09/#

So arbeiten mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Matura oder Universitätsabschluss im Home-Office, jedoch weniger als 15 % der Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss. Diese sind mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit als Arbeitnehmer*innen mit Universitätsabschluss. Arbeitnehmer*innen mit Pflichtschulabschluss sind überdies am stärksten von Kündigungen betroffen, jede*r Siebente hat seinen/ihren Job bereits verloren.

Die akute Krise auf dem Arbeitsmarkt erschwert die Situation für Menschen, bei denen mehrere Faktoren wie fortgeschrittenes Alter, Langzeitarbeitslosigkeit oder gesundheitliche Probleme zusammentreffen zusätzlich. Sie wird es für die Jungen schwer machen, ohne bzw. mit geringer Berufserfahrung in den Arbeitsmarkt einzusteigen.  
Vor kurzem habe ich angesichts der Situation am Arbeitsmarkt aus AMS-Kreisen das Wort Triage vernommen (nicht aus dem AMS OÖ!). Der Begriff stammt aus der Militärmedizin und bedeutet das Aussortieren von Verletzten und den Verzicht auf Behandlung der Aussortierten aufgrund überforderter Behandlungskapazitäten. Das hat mich schockiert. Was wir brauchen ist nicht Triage, sondern mehr Ressourcen (finanziell, personell) beim AMS und einen großangelegten Ausbau der Unterstützungsangebote, um den arbeitslosen Menschen wieder adäquate Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

Ganz im Sinne des Mottos des heurigen Tags der Arbeitslosen in Oberösterreich: #respect

Josef Pürmayr, Sozialplattform OÖ

https://www.facebook.com/tagderarbeitslosen

Wir fordern

Tag der Arbeitslosen – 30. April

Die Arbeitslosigkeit ist aufgrund der Folgen der Corona-Krise bereits dramatisch angestiegen und sie wird voraussichtlich leider noch weiter steigen. Existenzängste und die Aussichtslosigkeit, nach der Krise wieder rasch eine Stelle zu bekommen, plagen viele Arbeitslose. Besonders junge Menschen gehören zu den Hauptbetroffenen der Kündigungswelle, älteren Arbeitssuchenden droht Langzeitarbeitslosigkeit.

Es braucht wieder mehr Solidarität, besonders auch als Grundprinzip sozialstaatlichen Handelns. Daher fordert die Aktionsgemeinschaft zum Tag der Arbeitslosen – 30. April:

Das Arbeitslosengeld beträgt in Österreich nur etwa die Hälfte (55%) des vorigen Nettoeinkommens. Das schützt nicht ausreichend vor Armut.
Wir fordern, dass das Arbeitslosengeld auf mindestens 70% erhöht wird.

Als Folge der wirtschaftlichen Krise besteht die Gefahr, dass viele Jugendliche keine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben.
Wir fordern, für alle jungen Menschen bis 25 Jahre eine Garantie auf einen tatsächlichen Ausbildungsplatz und bei Bedarf vorbereitende Kursangebote.

Ältere arbeitslose Menschen sind überdurchschnittlich lange arbeitslos und werden bei Stellenbesetzungen oft nicht berücksichtigt. In öffentlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen gibt es viele notwendige Tätigkeiten.
Wir fordern eine Jobgarantie und ein Förderprogramm für die gesamten Lohnkosten in öffentlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen für ältere langzeitarbeitslose Menschen.

Weiterbildungen erhöhen die individuellen Berufschancen und tragen zu einem selbstbestimmten Leben bei.
Wir fordern einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung für alle arbeitslosen Menschen.

Menschen mit niedrigem Arbeitslosengeld erhalten eine Aufzahlung aus der Sozialhilfe nur, wenn sie kaum mehr Vermögen besitzen und unter Anrechnung des ganzen Familieneinkommens.
Wir fordern die Anhebung der Sozialhilfe über den Armutsgefährdungsbetrag und bei einer Aufzahlung gleiche Bedingungen wie beim Arbeitslosengeldbezug.

Derzeit sind fast 1 Million ArbeitnehmerInnen in Kurzarbeit, die Zahl der arbeitslosen Menschen  wird auf über 700.000 steigen.
Wir fordern eine bessere Verteilung der Erwerbsarbeit und eine generelle Arbeitszeitverkürzung, damit alle Menschen selbstständig ihre Existenz sichern können.

Die Aktionsgemeinschaft besteht aus:
AUGE - Alternative und grüne GewerkschafterInnen, Bischöfliche Arbeitslosenstiftung, B7 - Verein Arbeit und Leben, Katholische Jugend OÖ, KAB - Katholische ArbeiterInnenbewegung OÖ, obds Österreichischer Berufsverband der sozialen Arbeit, ÖGB OÖ & Themenforum Arbeitslosigkeit, Sozialplattform OÖ, VSG - Verein für Sozial- und Gemeinwesenprojekte.

Presseaussendung

Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer und AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer wenden sich in einer gemeinsamen Presseaussendung an die Öffentlichkeit.

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