10 Jan
2022

Verhaltensänderung
für Täter unerlässlich

"verpflichtende Täterberatung"

Als ein Instrument zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen wurde im September 2021 die „verpflichtende Täterberatung“ (siehe Infobox unten) eingeführt. Die Sozialplattform OÖ hat bei Eva Schuh (Gewaltschutzzentrum OÖ), Margarethe Rackl (Frauenhaus Linz) und Josef Landerl (Neustart OÖ) nachgefragt.

langjährige gute Zusammenarbeit

Sozialplattform: Seit 1. September müssen nach häuslicher Gewalt Weggewiesene an einer sechsstündigen Beratung teilnehmen. Wie funktioniert die Umsetzung in Oberösterreich, auch in Hinblick auf die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen? Warum ist Täter*innenberatung wichtig?

Eva Schuh: Die Umsetzung funktioniert in Oberösterreich sehr gut und mit Neustart, welche den Auftrag für die Beratungsstellen für Gewaltprävention erhalten haben, können wir schon auf eine langjährige gute Zusammenarbeit aufbauen. Täterberatung ist deshalb so wichtig, weil wir leider immer wieder erleben müssen, dass wenn sich Opfer aus der Gewaltbeziehung lösen, der gleiche Täter mit einem anderen Opfer bei uns aufschlägt. Es braucht beim Täter eine Verhaltensänderung, was in der Regel die meisten nicht ohne Unterstützung schaffen.

Josef Landerl: Von Seiten der Beratungsstelle kann festgehalten werden, dass die Zusammenarbeit und Umsetzung in Oberösterreich außergewöhnlich gut funktioniert. Die sehr gute Kooperation zwischen Polizei, Sicherheitsbehörden, Gewaltschutzzentrum und anderen Opferschutzeinrichtungen besteht zum einen schon seit vielen Jahren und wurde in den letzten Monaten noch deutlich intensiviert. Durch die Etablierung der Beratungsstelle für Gewaltprävention und die damit verbundene Gewaltpräventionsberatung für Gefährderinnen und Gefährder wurde eine Lücke im Sinne eines effektiven Opferschutzes geschlossen. Wir sind überzeugt, dass wir durch unsere Beratungen einen Beitrag zu weniger Gewalt in der Gesellschaft leisten können und werden.

Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser hat kritisiert, dass es über die konkreten Inhalte, Konzept und Ausrichtung dieser Täterberatung bei Einführung noch Unklarheiten gab und dass man sich Sorgen macht, dass betroffene Frauen in falscher Sicherheit gewogen werden, wenn es heißt, dass die Gefährder Beratung bekommen? Wie ist der aktuelle Stand und wie bewertet ihr diese Kritik?

Grete Rackl: Die Autonomen Frauenhäuser fordern schon seit langem, dass mit Gewalttätern gearbeitet werden muss, und wir fordern dazu klare opferschutzorientierte Ansätze. Gegen Ende des letzten Sommers waren mehr oder weniger keinerlei Informationen über die Konzepte bzw. über die Inhalte dieser Beratungen bekannt - welche aber mit 1. September beginnen sollten. Die damit betrauten Einrichtungen waren ja selbst (auf Grund der enorm kurzen Vorbereitungszeit) noch beim Entwickeln ihrer Konzepte. Unser Dachverband vermisste die gewünschte rechtzeitige Einbeziehung und den notwendigen Austausch.

Die Sorge, dass betroffene Frauen sich in falscher - ev. gefährlicher - Sicherheit wiegen, da der Täter ja ohnehin etwas tut, Beratung in Anspruch nimmt, war und ist natürlich berechtigt. Die Absolvierung einiger Stunden alleine bedeutet noch nicht, dass sich tatsächlich etwas verändert, die Verantwortung für die Taten übernommen werden.
Insofern ist das Wissen der Frauenberaterinnen über die Inhalte, Kriterien und auch Standards für die Sicherheit der Opfer enorm wichtig - die ja darüber auch informiert sein wollen. Ziel soll sein, dass weitere Gewalttaten verhindert werden.

Sehr bedauerlich ist, dass die Opfer von häuslicher Gewalt nicht über den Verlauf dieser Beratungen informiert werden - außer der Gefährder gibt dazu freiwillig seine Zustimmung.
Allerdings kann für Oberösterreich festgehalten werden, dass wir sowohl mit dem Gewaltschutzzentrum als auch mit Neustart als Anbieter dieser Täterberatung in laufendem fachlichen Austausch sind und sehr gut - im Sinne des Opferschutzes - zusammenarbeiten.

 

Angekündigt wurde auch eine regelmäßige Austauschplattform auf Landesebene und eine Intensivierung der Fallkonferenzen zwischen Sicherheitsbehörden und Gewaltpräventionsstellen und Opferschutzeinrichtungen, gibt es dazu schon nähere Informationen?

Eva Schuh: In OÖ gibt es einen sehr guten Austausch. Im Frühsommer 2021 wurde eigens ein Team gegründet, welches sich anfänglich alle 3 Wochen nun alle 6 Wochen trifft, um mögliche Fälle für die sicherheitsbehördlichen Fallkonferenzen zu besprechen. Dieses Team besteht aus Beamtinnen der LPD, der Sprecherin der Bezirkshauptmannschaften, der Beratungsstelle für Gewaltprävention und dem Gewaltschutzzentrum.

 

2021 gab es 30 Frauenmorde - sogenannte Femizide - in Österreich gegeben. Welche Ursachen macht ihr für diese hohe Anzahl in einem wohlhabenden Land wie Österreich aus? Welche zusätzlichen Maßnahmen wären für die Gewaltprävention wichtig?

Grete Rackl: Ein Problem ist, dass fast alle Täter den Behörden bereits bekannt waren. Viele der Täter waren schon früher gewalttätig, bisher wird diesem viel zu wenig Achtung geschenkt - es fehlt am engen Austausch zwischen Exekutive, Justiz und Opferschutzeinrichtungen - die wieder eingeführten sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen sind ein richtiger wichtiger Schritt in diese Richtung. Eine häufiger ausgesprochene U-Haft bei gefährlichen Tätern würde die Sicherheit für die Opfer/Kinder enorm erhöhen. Abgesehen von juristischen Mankos fehlt es aber auch an Rahmenbedingungen, die es der gefährdeten Person auch leichter ermöglichen, rechtzeitig ein unabhängiges Leben ohne den Gewalttäter zu schaffen: u.a. anständig bezahlte Arbeit oder/und existenzsichernde Sozialleistungen, eine leistbare Wohnung, kostenlose und den Arbeitszeiten entsprechend mögliche Kinderbetreuung usw. Auch dies ist Opferschutz!

Eva Schuh: Weder bei der Exekutive noch bei der Justiz gibt es eine standardisierte Risikoeinschätzung. Eine echte Gewaltprävention würde bedeuten an der Gleichstellung von Mann und Frau zu arbeiten und sich vom Bild des starken Mannes, der sich durchsetzt, zu verabschieden.


 

Margarethe Rackl

Sie studierte Sozialwirtschaft und ist seit 25 Jahren Geschäftsführerin im Frauenhaus Linz.
Frauenhäuser sind soziale Einrichtungen, die Frauen und deren Kindern im Falle von häuslicher Gewalt Hilfe und vorübergehend eine geschützte Unterkunft anbieten. Während des Aufenthaltes erhalten die Betroffenen Beratung und Betreuung in u.a. sozialen, rechtlichen, finanziellen, gesundheitlichen Belangen sowie Unterstützung u. a. durch Begleitung zu Ämter, Behörden und Gerichten. Frauenhäuser bieten natürlich auch Information bzw. Austausch für beruflich mit der Thematik konfrontierte Mitarbeiter*innen von anderen Sozialeinrichtungen an.
In akuten Krisensituationen rund um die Uhr unter 0732-606700 erreichbar.
www.frauenhaus-linz.at

Eva Schuh

ist Juristin, systemische Coach, Mediatorin und seit 14 Jahren beim Gewaltschutzzentrum OÖ.
Im Gewaltschutzzentrum beraten Juristinnen und Sozial-
arbeiterinnen kostenfrei und vertraulich bei Gewalt in der Familie/im sozialen Umfeld und bei Stalking. Außerdem werden psychosoziale und juristische Prozessbegleitung, Begleitung zu polizeilichen Einvernahmen und Gerichtsverhandlungen angeboten.
www.gewaltschutzzentrum.at/ooe/

Josef Landerl

Der ausgebildete Sozialarbeiter und Mediator ist seit 27 Jahren bei NEUSTART beschäftigt und nunmehr Leiter von NEUSTART OÖ. NEUSTART ist ein Verein, der seit über 60 Jahren die Straffälligenhilfe in Österreich im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz durchführt. Zu den bekanntesten Leistungen zählen die Bewährungshilfe, der Tatausgleich, die Haftentlassenenhilfe, der elektronisch überwachte Hausarrest und die Vermittlung gemeinnütziger Leistungen. Seit 1.9.2021 ist NEUSTART vom Bundesministerium für Inneres mit der Durchführung der Beratungsstelle für Gewaltprävention beauftragt worden. Angeboten werden Gewaltpräventionsberatungen für Gefährderinnen und Gefährder.
www.neustart.at


 

verpflichtende Gewaltpräventionsberatung

Nach der Anordnung eines Betretungs- und Annäherungsverbots wurde durch die Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes eine verpflichtende Gewaltpräventionsberatung der Gefährderin oder des Gefährders durch geeignete Beratungsstellen eingeführt. Die Gefährderin oder der Gefährder haben fünf Tage Zeit, sich mit einer Beratungsstelle für Gewaltprävention in Verbindung zu setzen und einen Termin für die Beratung zu vereinbaren.

Die sechsstündige Beratung muss innerhalb von 14 Tagen ab Kontaktaufnahme erstmalig stattfinden. Die Beratung beinhaltet Themen wie mögliche rechtliche Konsequenzen, Lösung der Akutsituation ohne Gewalt und eine Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Verhalten.

Zusätzlich werden den Gefährderinnen und Gefährdern weiterführende Therapien sowie Anti-Gewalt-Trainings vermittelt. Das Ziel der Gewaltpräventionsberatung ist die Vermeidung einer Wiederholungstat. Wer sich weigert daran teilzunehmen, wird von der Polizei vorgeladen. Am Ende droht eine Verwaltungsstrafe in Höhe von bis zu 2.500 Euro, im Wiederholungsfall 5.000 Euro oder eine Ersatzfreiheitsstrafe bis zu sechs Wochen.

Das absolut prioritäre Ziel in der Gewaltpräventionsberatung ist der sofortige Gewaltstopp. Dieser wird durch eine klare Normverdeutlichung seitens der Berater*innen initiiert. Die Beratungsstelle informiert die Klient*innen über die rechtliche Situation eines Betretungs- und Annäherungsverbotes und über mögliche Konsequenzen einer Nichteinhaltung. Ebenso wird in jeder Beratung eine Risikoeinschätzung von Seiten der Beratungsstelle durchgeführt, um mögliche Risikofälle rasch zu identifizieren und wenn notwendig eine sicherheitspolizeiliche Fallkonferenz einzuberufen bzw. Krisenpläne zu erstellen.

Dieses Interview ist im Rundbrief 1/2022 erschienen.

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