15.4.2021, 25 Jahre Kupfermuckn

Wie eine Straßenzeitung ihre Leser*innen toleranter macht

Anlässlich des 25-Jahres-Jubiläums hat die Kupfermuckn die Leser*innen mit Unterstützung des renommierten market Instituts um ihre Meinung zur Straßenzeitung Kupfermuckn gebeten. Der unverfälschte Einblick in das Leben von Randgruppen und die Solidarität mit diesen bewegt die Bevölkerung zum Kupfermucknkauf.

Entstanden ist die Straßenzeitung aus mehreren Schreibwerkstätten der „Arge für Obdachlose“ und wurde in einer Auflage von 1.500 Stück erstmals im Oktober 1996 gratis verteilt. Parallel zur Kupfermuckn-Leser-Befragung hat das „market Institut“ im Februar auch eine österreichweite repräsentative Befragung (1.000 Personen) zur Einstellung der Österreicher*innen zu sozialen Randgruppen durchgeführt.

Top-Kaufmotiv: "Ich bekomme einen unverfälschten Einblick in das Leben von Randgruppen."

Warum wird die Kupfermuckn gekauft? Das Alleinstellungsmerkmal der Zeitung ist, dass überwiegend Betroffene zu Wort kommen. Das wird von 91 Prozent der Leser*innen als größtes Kaufargument gesehen. Diese besondere Stärke unterstreicht auch die hohe Zustimmung zur Aussage: "Ich bekomme einen unverfälschten Einblick in das Leben von Randgruppen", mit 82 Prozent. Sehr wichtig ist den Leser*innen auch, dass Obdachlose eine sinnvolle Beschäftigung haben, und dass man selbst bestimmen kann, wem das Geld zu Gute kommt (71 Prozent). Sie können beim Kauf auch sicher sein, dass mindestens die Hälfte des Verkaufspreises stets den Betroffenen gehört.

Ich finde es wichtig, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen

Die Frage nach den Zeitungsinhalten zeigte viele interessante Fakten auf. 82 Prozent der Leser*innen sind der Meinung, "die Kupfermuckn biete unabhängige, authentische Berichterstattung". Das ist – laut Aussage des market Instituts – ein Wert, über den sich auch andere Medien freuen würden. Die Glaubwürdigkeit der Kupfermuckn ist in den letzten zehn Jahren sogar noch um drei Prozent angestiegen. Bei der Frage, welche Inhalte gelesen werden, erfährt man, dass weibliche Leserinnen und Ältere die Kupfermuckn sehr detailliert lesen, während jüngere Leser eher dahin tendieren, selektiv zu lesen. Wie zu erwarten, werden Lebensgeschichten (83 Prozent) und Storys über die Verkäufer (79 Prozent) besonders gerne gelesen. Die höchste Zustimmung der Befragung hat mit 96 Prozent (Note 1 und 2) die Aussage, die Kupfermucknverkäufer seien »freundlich«. Dieser Wert ist in den letzten zehn Jahren um zwei Prozent angestiegen. Drei Viertel der Leser wechseln zumindest ab und zu ein paar Worte mit den Verkäufern.

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7.4.2021, Gesundheit muss man sich leisten können

ARMUTSNETZWERK OÖ ZUM WELTGESUNDHEITSTAG

Befindet sich ein Mensch in schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Lebensumständen, hat das über sein ganzes Leben hindurch Auswirkungen auf seinen Gesundheitszustand.1 Armutsbetroffene Menschen haben eine niedrigere Lebenserwartung und sind überdurchschnittlich oft von gesundheitlichen Einschränkungen betroffen. Menschen mit niedrigerem Einkommen weisen häufiger chronische Krankheiten auf, wie beispielsweise Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Arthrose, Migräne, chronischen Angstzustände und Depressionen als jene mit höherem Einkommen.

Wie wichtig unsere Gesundheitsversorgung – im Spitals- wie im niedergelassenen Bereich – ist, führt die COVID-19-Krise klar vor Augen. Doch bereits vor der Pandemie haben sich Bruchlinien gezeigt, beispielsweise im leistbaren Zugang zu Fachärzt*innen oder Therapien.

Gesundheit ist eindeutig ein soziales Thema. Wer in unseren Sozialstaat investiert, wer Armut bekämpft, verhindert Brüche, nicht nur in der Biografie der Betroffenen, sondern im gesamten gesellschaftlichen Gefüge.2

Die neue Sozialhilfe, die in Oberösterreich und anderen Bundesländern bereits umgesetzt ist, verschlechtert die Situation von armutsbetroffenen Menschen im Vergleich zur früheren Mindestsicherung. Niedrigere Richtsätze für Kinder oder auch die Anrechnung der Wohnbeihilfe führen dazu, dass Menschen in sozialen Krisen jetzt in der Pandemie um mehrere hundert Euro monatlich weniger Hilfe haben. Erst unlängst wurde bekannt, dass die Anzahl der Sozialhilfe-Beziehenden in Oberösterreich um 13,1% zurückgegangen ist3. Für die oö. Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer ist das ein Indiz für die mangelnde Treffsicherheit der Sozialhilfe. In der Sozialreferent*innen-Konferenz der Bundesländer wurde deshalb eine bundesweite Evaluierung beschlossen. Das Armutsnetzwerk OÖ begrüßt diese Überprüfung ausdrücklich.

Die zentrale Forderung der WHO lautet anlässlich des Weltgesundheitstags am 7. April4: „Gesundheit für alle: denn niemand ist sicher, bevor wir nicht alle sicher sind“. Auch die regionalen Armutsnetzwerke in ganz Österreich und die bundesweit tätige Armutskonferenz machen darauf aufmerksam.

  • Soziale Menschenrechte als Verfassungsrechte anerkennen (siehe Entwurf Armutskonferenz „Bundesverfassungsgesetz soziale Sicherheit“5)
  • Abbau bürokratischer Hürden (Antragstellung vereinfachen, Antragstellung unabhängig von der Verfügbarkeit digitaler Medien und „Know-How“ des/ der Betroffenen ermöglichen)
  • Versorgungslücken schließen (unter anderem: medizinische Versorgung für alle Menschen sicherstellen)
  • Existenzsichernde Richtsätze bei Sozialhilfe und Arbeitslosengeld: Sowohl die Höhe der Sozialhilfe als auch die Richtsätze beim Arbeitslosengeld müssen sich an den tatsächlichen Kosten des täglichen Lebens ausrichten. Durch eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes kann schon eine Stufe vor dem letzten sozialen Netz das finanzielle Auskommen gesichert werden und ein Abrutschen in die Armut verhindert werden.

Damit einzelne Menschen oder Gruppen nicht ausgegrenzt werden, müssen soziale Rechte für alle gewährleistet sein. Denn jeder Mensch hat ein Recht auf den gleichen Zugang zu Bildung, leistbarem Wohnen und Gesundheit.

1: Gesundheitswissenschaften dokument, 40 Armut und Gesundheit, Bettina Ottendörfer, Linz 2013
2: Studien: Bericht zur 1. Welle Covid 19, Mental Health: https://bit.ly/3wz26vp
Armutsbetroffene und die Corona Krise:
https://www.sozialministerium.at/Services/News-und-Events/Archiv-2020/Dezember-2020/Armutsbetroffene-und-die-Corona-Krise.html
3: https://www.land-oberoesterreich.gv.at/251863.htm
4: „Building a fairer, healthier world“: https://www.who.int/campaigns/world-health-day/2021
5: https://bit.ly/3ul2ED0

6.4.21, Meine Stimme hat Wert
Logo Meine Stimme hat WErt

Menschen, die finanziell in unserer Gesellschaft benachteiligt sind, beteiligen sich immer seltener an Wahlen. Das ist ein großer Verlust für die Demokratie und führt zu einem verzerrten Abbild von politischen Mehrheiten. Das führt zu den Fragen: Hat die stimmenstärkste Partei wirklich noch immer die meisten Wahlberechtigten hinter sich? Wer vertritt die Anliegen von Menschen, die finanziell kaum oder gerade noch so über die Runden kommen? Und welche Anliegen und Ideen haben sie überhaupt? Die Sozialplattform OÖ will das wissen.

Es besteht ernsthaft die Gefahr, dass Österreich auf dem Weg in eine Zwei-Drittel-Demokratie ist – in eine Demokratie, in der sich das ökonomisch schwächste Drittel kaum mehr an politischen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt. Menschen mit geringem Einkommen bis hin zur Armutsbetroffenheit sind überwiegend auch von sozialer Benachteiligung betroffen. Einen großen Anteil an der Politikverdrossenheit hat der Umstand, dass in der Wahrnehmung vieler Menschen die Politik unverständlich und abgehoben agiert, dass sie nicht ausreichend an den Bedürfnissen der Menschen ansetzt. Viele erwarten sich nichts mehr von der Politik und verzichten auf die Stimmabgabe.

EXPERT*INNEN-BEFRAGUNG GESTARTET

In einer Befragung wollen wir von Wahlberechtigten aus Oberösterreich mit einem Einkommen an der Armutsgefährdungsschwelle (als Richtwert dienen die Ergebnisse von EU-SILC 2019, also monatlich unter EUR 1.286,- pro alleinstehender Person im Jahr) ihre Bedürfnisse, Probleme und Forderungen für die Politik formulieren. Die Teilnehmer*innen erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung. Die Sozialplattform OÖ wird aus den Ergebnissen dieser Befragung einen Forderungskatalog an alle politischen Parteien richten, die bei der oberösterreichischen Landtagswahl im Herbst antreten.

Wir betrachten Menschen mit wenig Einkommen als Expert*innen, die am besten selber wissen, was sie für ein gutes Leben brauchen.

WIR SUCHEN

  • wahlberechtigte Menschen mit wenig Einkommen aus ganz Oberösterreich,
  • Männer und Frauen
  • Jugendliche, junge Erwachsene, Senior*innen
  • Alleinlebende und Familien

Besonders interessant sind die Perspektiven von

  • Alleinerziehenden,
  • Menschen mit Beeinträchtigungen,
  • Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen,
  • Menschen mit prekären Jobs,
  • arbeitslosen Personen,
  • Sozialhilfe-Bezieher*innen,
  • Notstandshilfe-Bezieher*innen
  • Bezieher*innen einer Mindestpension
  • Menschen mit Migrationshintergrund.

MITMACHEN

Deshalb laden wir unsere Mitgliedseinrichtungen und andere soziale Einrichtungen ein, Klient*innen für die Befragung zu gewinnen. Auch Menschen, die keine Klient*innen in sozialen Einrichtungen sind und ein niedriges Einkommen haben, können gerne mitmachen.

Die Befragung läuft von 1. - 30. April 2021.

HIER BEKOMMEN SIE DEN FRAGEBOGEN UND WEITERE INFOS

Claudia Zinganell-Kienbacher
0732-66 75 94, zinganell@sozialplattform.at

Dieses Projekt wird von der Arbeiterkammer OÖ gefördert.

31. März, Presseaussendung Armutskonferenz

Armutskonferenz fordert Minister zum Handeln auf: Erhöhte Notstandshilfe läuft heute aus, die Corona-Krise bekanntlich nicht.

Soziale Krise: Damit niemand ins Bodenlose fällt - Notstandshilfe erhöhen, Familienzuschlag im Arbeitslosengeld, gute Mindestsicherung, erweiterter Arbeitsmarkt

Wien (OTS) - Damit niemand ins Bodenlose fällt und die aufgehende Schere zwischen Arm und Reich bekämpft wird“, fordert die Armutskonferenz Sozialminister Anschober und Arbeitsminister Kocher zum Handeln auf. Die Angleichung der Notstandshilfe auf das zuletzt bezogene Arbeitslosengeld muss als Krisenmaßnahme verlängert werden. „Die Anhebung der Notstandshilfe auf das Arbeitslosengeld läuft heute aus, bekanntlich aber nicht die Corona-Krise“, erinnert Sozialexperte Martin Schenk die Bundesregierung.

(Befristete) Anhebung Familienzuschlag in Arbeitslosenversicherung
Eine Maßnahme, die schwer belastete Kinder jetzt gut erreicht, wäre die Anhebung des Familienzuschlags im ALVG auf 100 Euro im Monat. Der Zuschlag liegt jetzt bei € 0,97 pro Tag, also €29,10 Euro im Monat. Anrechnungen in der Arbeitslosenversicherung müssen berücksichtigt werden.

Gute Mindestsicherung statt schlechter Sozialhilfe
Die Abschaffung der Mindestsicherung und das bereits bestehende Sozialhilfegesetz wird uns angesichts der Krise noch große Probleme machen, berichtet die Armutskonferenz aus der sozialen Praxis ihrer Mitglieder. Die sozialen Probleme werden immer größer - und die schlechte Sozialhilfe kann sie nicht lösen. "Die Krise zeigt wie wichtig jetzt eine gute Mindestsicherung wäre, statt einer schlechten Sozialhilfe, die Menschen in Existenznöten und Notsituationen nicht trägt", betont Schenk. „Wir brauchen gerade jetzt eine Mindestsicherung, die Existenz, Chancen und Teilhabe sichert.“

Erweiterter Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose
Das ist besonders für ältere und auch kranke Arbeitslose wichtig. Hier geht es auch um Arbeit, die wir brauchen, in der Pflege, in den Regionen, in der Klimawende. Arbeitslosigkeit verfestigt sich, Langzeitarbeitslosigkeit steigt. Berücksichtigt man die sinkenden Kosten in der Arbeitslosenversicherung, die Rückflüsse in die Sozialversicherung und die Mehreinnahmen durch Steuern, bleiben die Kosten für öffentliche Investitionen in Arbeitsplätze überschaubar.

Jugendliche: Überbetriebliche Lehrwerkstätten, Produktionsschulen ausbauen
Jugendliche mit Beeinträchtigungen oder sozial benachteiligte Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren, die nach Abschluss der Pflichtschule keine Ausbildungsstelle finden, eine solche abgebrochen haben, arbeitslos oder von Ausgrenzung bedroht sind. Ziel wäre es, die Schüler/innen auf den Weg zu persönlichem Selbstbewusstsein sowie Ausbildungs- und Berufsreifekompetenz zu führen. Das ist in mannigfaltigen Bereichen mit (Teil)Lehren möglich.

Sozialstaatliche Antworten: grundrechtlich, nachhaltig, nicht zufällig
Viele diese vorgeschlagenen Leistungen erhöhen die Nachfrage und gehen direkt in den Konsum. „Insgesamt aber braucht es mehr solch sozialstaatliche Antworten auf die in der Krise wachsende Ungleichheit“, betont Sozialexperte Martin Schenk von der Armutskonferenz, „weniger Bittstellerfonds und Almosen“. „Das sind Maßnahmen, auf die man ein Recht hat, die nachhaltig wirken und die mehr als zufällig die Betroffenen erreichen“.

Die Armutskonferenz.
Die in der Armutskonferenz zusammengeschlossenen sozialen Organisationen beraten, unterstützen und begleiten über 500.000 Menschen im Jahr.
www.armutskonferenz.at